Notizen, Skizzen
Der Unermüdliche - Zum Tod von Anton Andreas Guha (*1937+2010)

- "Toni" Guha
"Wer nicht kämpft, geht unter.
Wer kämpft, reibt sich auf"
Frankfurter Sponti-Spruch aus den achtziger Jahren
Es war im Jahre 1967, als der junge Anton Andreas Guha mit dem Zug durch die Bundesrepublik unterwegs war. Er hatte gerade sein Studium abgeschlossen, eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent war ihm avisiert worden. Da stieg ein älterer Herr zu ihm ins Nichtraucher-Abteil - und zündete sich eine Zigarre an. Als Guha ihn auf das Verbotsschild aufmerksam machte, lautete die Gegenfrage: "Junger Mann, wissen Sie, wer ich bin?" Das wusste Guha nicht, und auch, als der Ältere ihm eröffnete: "Ich bin Karl Gerold" (*1906+1973), reagierte er unbeeindruckt. Er kannte den damaligen Herausgeber der Frankfurter Rundschau (FR) und profilierten Publizisten einfach nicht. Die beiden kamen ins Gespräch, an dessen Ende Gerold Guha in die Frankfurter Redaktion einlud.
FR - LEBENSMITTELPUNKT
Der Besuch gipfelte darin, dass Guha einen Redakteurs-Vertrag unterschrieb. Karl Gerold hatte ihn aus dem Elfenbeinturm herausgelockt und ihn überzeugt, dass er als Journalist mehr bewirken könnte. Es war der Start in eine herausragende journalistische wie publizistische Laufbahn. Und es war der Beginn in eine Verbindung, die ein ganzes Berufsleben lang halten sollte: Die linksliberale , aufmüpfige überregionale "Rundschau" wurde für Guha weit mehr als ein Arbeitsplatz - sie wurde ihm zum Lebensmittelpunkt. Guha bekam einen Platz in der Nachrichten-Redaktion, dem damaligen Kernstück der Rundschau. Sein Zuständigkeitsbereich: Südamerika und Sicherheitspolitik. In der gesellschaftskritischen, eher von Norddeutschen dominierten Rundschau-Redaktion war er mit seinen nie verleugneten bajuwarisch-böhmisch gemischen Wurzeln ein Exot. Nicht wegzudenken sein "Teifi, Teifi", wenn er bei ungewöhnlichen Nachrichten oder Überraschungen unverdrossen den Satan beschwor. Oder sein fröhliches "Habe die Ehre" zum Gesprächsauftakt oder sein "Schau dass'd weidakommst", wenn eine Debatte beendet war. Seine politische Heimat waren die Jusos und lange Jahre danach noch die SPD, mit der er erst wegen des Schröder-Kurses (1998-2005) brach.
AUSLANDS-REPORTER
Eine seiner ersten Auslandsreisen führte Guha nach Mittelamerika, wo damals berüchtige Diktatoren herrschten, Angst und Schrecken verbreiteten. Er hatte sich zu Hause von einem Mitglied einer Oppositionsgruppe überreden lassen, einen Brief für dessen Genossen in El Salvador mitzunnehmen. Doch am Ziel angekommen, stand statt eines Revolutionärs der Geheimdienst vor Guhas Hotelzimmer-Tür. Er wurde festgenommen und in eine Zelle ohne Wasser und Klo gesperrt, wo er eine gute Woche schmorte, auszuharren hatte. Unterdessen intervenierte Karl Gerold unentwegt Tag für Tag, zuweilen Stund' um Stund' in der bundesdeutschen Diplomatie - es war ja nicht das erste Mal, dass Gerold ein Redaktionsmitglied aus dem Knast einer Diktatur herausholen musste. Guha kam frei, und seine Berichte aus Mittelamerika festigten den markanten Ruf der Frankfurter Rundschau und Guhas Ruf als unerschrockener Gegner von Ungerechtigkeit, Klüngelei, Gewalt und Folter.
NICHT KÄUFLICH - UNBESTECHLICH
Als später die Zeit der Nachrüstungs-Debatte Ende der siebziger Jahre anbrach und die Friedensbewegung wuchs, da hatten Deutschlands Ökopaxe in Guha einen ihrer profiliertesten Vertreter. Unermüdlich sammelte und veröffentlichte er Informationen und Argumente - auch in die von ihm editierte Zeitschrift "Vorgänge" - gegen die Atomrüstung. 1979 bekam er den Wächterpreis der deutschen Tagespresse, eine der höchsten Auszeichnungen für Journalisten in Deutschland. Längst war er ein gerne gesehener Gast auf den Pazifisten-Podien quer durch die Republik - konziliant im Ton, unerbittlich in der Sache. Naheliegend, dass auflagen- wie finanzkräftige Magazine zu Hamburg Guha als Redakteur/Reporter in ihren Reihen wissen wollten. Er hätte nur Ja sagen müssen, dann wäre aus ihm ein erlesener Jetset-Journalist mit Kreditkarten-Booklet, Flanell-Ausgeh-Uniform samt Dienst-Mercedes geworden. Er hätte nur Ja sagen müssen bei seinem Einstellungsgespräch in der Chefredaktion des Stern, da hätte er , der bescheiden lebende, introvertierte Guha, sein Monatsgehalt verdoppeln, rund um den Erdball in besten Hotels absteigen können. Anton Andreas Guha widerstand jener verführerischen Käuflichkeit, die für ihn zweifelsfrei sozialen Aufstieg bedeutet hätte. Er ahnte längst, hatte bereits hinreichende Belege dafür parat, wie sich der einst engagierte Aufklärungs-Journalismus zu einem Polit-Entertainment der profitablen Bewusstseins-Industrie vermarkten liess, verkümmerte. Konturlos. "Flüchten oder Standhalten" hieß eines der Bücher des Psychoanalytikers Horst Eberhard Richter in jenen Jahren. Anton Andreas Guha hielt stand. Er kehrte zu seiner Rundschau nach Frankfurt zurück.
ÜBEL AN DER WURZEL PACKEN
Eines seiner frühen Bücher, "Ende", beschreibt den Zustand Deutschlands nach einem Atomschlag. Es wurde zu einem Bestseller in der Friedensbewegung und brachte Guha den Ruf ein, von der Apokalypse, vor der er so unermüdlich warnte, auch ein wenig fasziniert zu sein. Guhas journalistisches, analytisches Spektrum war im Laufe der Jahre breiter geworden. Er schrieb Leitartikel, Essays zu den verschiedensten Themen; meist mit der Absicht, Grundlegendes zu sagen - Ursachenforschung, die Übel an der Wurzel zu packen. In diesem Sinne war er stets ein Radikaler nach Ernst Bloch (*1885+1977), meist löste er einen Schwall von Leserbriefen aus - und Diskussionen in der Redaktion. - Guha-Jahre.
ZUM RAUCHER GEWORDEN
In gut 35 Redaktionsjahren (1967-2002) war Anton Andreas Guha selbst zum Raucher geworden. Und als das Qualmen in der Redaktion längst verboten war, zogen gelegentlich verräterische Schwaden aus seiner Schublade. "Teifi, Teifi", klagte er dann, wenn jüngere Kollegen ihn auf das Verbot hinwiesen.
Anton Andreas Guha ist in der Nacht zum 8. Februar 2010 nach langer, schwerer Krankheit in Frankfurt gestorben.
Edgar Auth/Reimar Oltmanns